
„[…] Die heutige Welt-Kultur ist eine Kultur geprägt von grenzenloser Kommunikation, Technikgläubigkeit und Wachstumsfetisch. Kultur ist aber auch das Vermögen, Kultur zu schaffen. Kultur schlägt sich im Denken, Fühlen und Verhalten der Gesellschaft nieder. Dabei entstehen mitunter Konflikte mit Freiheit und Anpassung aber Widerstand gegen vermeintlich gesetzte universale Werte. Solche selbstverständlichen Werte sind Gerechtigkeit in der Weltfamilie, aber auch gegenüber der Natur und allem, was darin ist. Sie werden immer wieder an den Rand gedrängt von regionalen und kurzfristigen Interessen. [..] Wir brauchen dringend eine Kultur der Nachhaltigkeit! Wir brauchen mehr denn je eine Besinnung darauf, wie wir diesen Erdball für die Jugend und uns nachfolgende Generationen prägen möchten. […] Die Ökologie hat ein Eigenrecht, ohne Zweifel. Die Kultur des Menschen geht nur mit Natur, nicht gegen sie und schon gar nicht, wenn wir die Natur ignorieren. […]
Was werden wir antworten, wenn uns die Kinder in naher Zukunft fragen: ‚Was habt ihr im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eigentlich gewusst über die weltweite ökologische Zerstörung? Wart ihr eigentlich nicht sicher, dass der Klimawandel die Welt verändern wird? Konntet ihr nicht mehr tun, als die gröbsten Auswirkungen noch zu verhindern gewesen wären? Wann habt ihr gewusst, dass die Ziele der Vereinten Nationen zur Armutsbekämpfung, zum Stopp der globalen Vernichtung von Fauna und Flora Gefahr laufen, nicht erreicht zu werden? Was habt ihr dann getan? Wann ist euch bewusst geworden, dass alle moderne Technik und eure Budgets nicht reichen, um eine globale Wende zu schaffen? Wann habt ihr begriffen, dass ihr euch von der Naturbasis losgesagt habt und seit wann musstet ihr wissen, dass das nicht gut gehen kann?’
Das, was uns die Wissenschaft täglich Neues bringt, kommt oft völlig abgeschottet daher und lässt die Lust auf Zukunft kaum zu. Es ist, als ginge es im Grunde niemanden an. Da ist die Rede von Gensequenzen und Auskreuzungen, von Invasoren und Gletscherschwund. Mir erscheint das oftmals als kaltherziger Versuch, die Schöpfung zu beherrschen. Die Machbarkeit bestimmt, was gemacht wird. Nicht, was wünschenswert und wirklich sinnvoll ist.
Eine Kultur der Nachhaltigkeit setzt genau hier an. […] Sie umgreift die Wirksamkeit von kulturellen Einrichtungen und künstlerischer Kultur, aber auch die Diskussion von Werten in der und durch die Familie, von alt und jung. Unsere Gesellschaft benötigt Menschen mit der Fähigkeit zur Kooperation, Partizipation, Kreativität, Weitsicht und Vorsorge. Und eine Haltung, die all das erst ermöglicht. […] Um zu handeln, um Zukunftsfähigkeit zu entwickeln, wissen wir genug.
[…] Nachhaltigkeit – das ist eine Kultur der Besinnung, der Zuversicht in die menschliche Kraft der Selbstkorrektur und der Lust auf Zukunft. […] Jeder […] muss […] für sich definieren, was ‚gutes Leben’, was das ‚rechte Maß’ bedeutet. Je größer die Informationsflut wird, umso größer ist die Notwendigkeit der Orientierung. Und orientieren kann ich mich am besten im Ruhezustand. Hier liegt für jeden eine persönliche Verantwortung des Einzelnen. Was zählt, ist die ehrliche Reflexion, was wir selbst zu einer Kultur der Nachhaltigkeit und Achtsamkeit beitragen – in unserem Alltag, aber auch als Beitrag für einen neuen, europäischen Kulturentwurf. […]“
Gekürzte Version der Eröffnungsrede von Hubert Weinzierl anlässlich der 57. Festspiele Europäische Wochen Passau am 12.06.2009 in Passau
http://www.nachhaltigkeitsrat.de/dokumente/reden-praesentationen/reden-2...
Kommentare
Und in der Zukunft?
Mal schauen, wie es mit der Kultur der Nachhaltigkeit nun nach dem gestrigen Wahltag so weitergeht.
Ich hab da so meine Bedenken.
Ist mir..
... zu theoretisch-philosophisch. Da hab ich schon nach der Hälfte des Textes nicht mehr richtig "hingelesen".
schöner Text...
...aber zu unkonkret. Ich finds ein bisserl schwammig. Was will er mir sagen??Große Worte, schön verpackt, bei mir bleibt aber wenig hängen davon im Gedächtnis.
Wie könnte dieser neue Kulturentwurf aussehen? Wer entwirft ihn? Wer entscheidet über ihn?
...
Richtig!
"Was werden wir antworten, wenn uns die Kinder in naher Zukunft fragen..." Vollkommen richtig: Nicht immer darauf bauen, dass die nächsten Generationen das schon richten werden, sondern JETZT etwas tun.
Ein wunderbarer Einstieg in
Ein wunderbarer Einstieg in ein schwieriges Thema...vielen Dank für diesen Text