Gespräch des Monats ...

...mit Marlehn Thieme, Mitglied des RNE, über Politik aus der Geldbörse

Politik aus der Geldbörse

„Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Politik fragen sich gleichermaßen, was die richtigen Perspektiven für die Wirtschaft der Zukunft sind. Wie kann jetzt wieder Verlässlichkeit entstehen? Wie kann das Vertrauen in den funktionierenden Markt restituiert werden? Wer steht für Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft?
Es geht darum, die richtigen Orientierungspunkte zu definieren und die richtigen Maßnahmen zu entwickeln, um die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Die Bundesregierung kann zum Vorbild für nachhaltigen Konsum werden – wenn sie will. Der Steuerzahler zahlt doppelt, solange die Ausgaben der öffentlichen Hand nicht explizit und nachprüfbar an Kriterien der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden: Zum einen zahlt er, wenn Einsparmöglichkeiten und Effizienz nicht beachtet werden, zum anderen, wenn die ökologische und soziale Rechnung zu zahlen ist, die aus Fehlentscheidungen folgt. Und noch schlimmer: die Politik versäumt dadurch, die richtigen Anreize für Unternehmen zu setzen, auf konsequent nachhaltiges Wirtschaften umzustellen.

Es gibt gute Beispiele unserer Nachbarn in Europa, die zeigen, was eine Vision mit Leuchtkraft ist. Die Niederlande haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 100% der öffentlichen Beschaffung nachhaltig zu gestalten. Das ist ein ambitioniertes Ziel, das über die Vorgaben der EU weit hinausgeht. Es wird mit Sicherheit nicht ohne Zielkonflikte erreicht werden.

Nachhaltigkeit ist unbequem und muss raus aus der Harmoniezone. Und Nachhaltigkeitspolitik scheitert leider auch an den Wählerinnen und Wählern.
Was passiert aber, wenn wir uns nicht auf ambitionierte Visionen einigen? „Ein Volk ohne Visionen verwildert.“ Was ist unsere Vision? In welcher Gesellschaft, in welcher Wirtschaft wollen wir leben? Und wie konsequent und hartnäckig sind wir in unserer Forderung danach?

Meiner Meinung nach müssen wir unsere Vorstellungen von Wohlstand und Wachstum dringend neu denken – denn mit dem Primat des rein quantitativen Wachstums werden wir nicht mehr weiter kommen. Wenn wir das Klimaziel von max. + 2°C erreichen wollen, bedeutet das ein maximales Emissionsrecht pro Kopf von 2t CO2 bis 2050. Neu ist das Wissen um die potentiellen auch wirtschaftlichen Folgen, wenn wir nichts tun. Konsens ist, dass wir uns das nicht leisten können. Und trotzdem tut sich zu wenig.

Damit das nicht erst passiert, wenn alles zu spät ist, brauchen wir die Politik aus der Geldbörse: von öffentlichen Beschaffern, Einkäufern in Produktion und Handel und den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Nachhaltiger Konsum ist heute schon möglich.

Ziel muss sein, Nachhaltigkeit zum Wiederwahlargument zu machen, sei es mit dem Stimmzettel im Wahlbüro oder beim Einkauf auf dem Markt oder im Supermarkt. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Auftrag an die Politik und die Wirtschaft, sondern ganz marktdemokratisch an jeden Verbraucher und jede Verbraucherin.“

Weitere Informationen unter: www.nachhaltiger-warenkorb.de

Gekürzte Version des Grußwortes von Marlehn Thieme auf der Karmakonsum Konferenz am 19.06.2009 in der IHK Frankfurt am Main
http://www.nachhaltigkeitsrat.de/dokumente/reden-praesentationen/reden-2...

Kommentare

was mich wundert...

...ist, dass bei der gesamten Nachhaltigkeitsdiskussion, die hier geführt wird, der ganze Komplex nach globaler Nachhaltigkeit ausgeblendet wird. Nachhaltig heißt nicht unbedingt Fair Trade, "Bio" hilft dem Bauer in Afrika nicht, wenn er vertraglich an einen Agrarmulti gebunden ist. Was damit gesagt sein soll: Allein mit einem Ansatz der sich vor allem damit beschäftigt, wie wir unseren Wohlstand - ökonomisch wie sozial - halten und gleichzeitig die Umwelt schützen können, hilft vielen Schwellen- und Drittweltländern nicht. Von GLOBAL nachhaltigen Handelsbeziehungen (und das ist weit mehr als ein Fair Trade Siegel) war bisher allerdings kaum die Rede. Das Zitat: "Eine dauerhafte Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können" weist in diese Richtung. Aber vielleicht müssen WIR uns künftig ein wenig mehr einschränken, damit es nachher ALLEN nachhaltig besser geht?
Wie könnte man hier ansetzen?

Richtig!!!!

Sehr richtig! Auch diese ganze LOHAS-Diskussion geht mir sowas von auf den Keks. Da geht's doch nur darum, dass die westliche Welt weiterhin (und mit scheinbar gutem Gewissen) konsumieren kann. Beschränkung ist eben out, das neue FSC-Parkett, das dicke Hybridauto, das energiesparende Luxushaus etc. sind in! Nichts gegen nachhaltigen Konsum. Aber nicht unbegrenzt, ohne gleichzeitige Selbstbefragung ("Brauchen wir das wirklich?") und -beschränkung. Denn wir müssen uns einschränken! Alle! Dringend.
Nachhaltigkeit hat auch mit Gerechtigkeit zu tun.

Anscheinend sagt der Wähler

Anscheinend sagt der Wähler schon jetzt mit der Geldbörse, was er will: Hab heute gelesen, dass der Umsatz an fair gehandelten Produkten um fast 40 Prozent gestiegen ist.
Und dass in Zeiten der Wirtschaftskrise.
also, Frau Thieme: Nicht dem Wähler alles in die Schuhe schieben :-)

sorry, aber: Nische

Sorry, aber trotz aller Jubelnachrichten über zweistelliges Wachstum ist Fairtrade immernoch in der Nische. Ganze 2% Marktanteil, nach wie vor. Guck mal: http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,3299316,00.html

ich glaub da geht noch was... mit 2% kommste auch nicht in den Bundestag...

Danke für die Info

die Zahl kannte ich nicht. Klar kommt man mit zwei Prozent nicht in den Bundestag, aber aus 2 können ja ganz schnell mehr werden. Und immerhin: Die Tendenz ist steigend, das sollte man nicht einfach so mit doofen Sprüchen wegwischen. Was wäre denn die Konsequenz daraus? Alles sowieso egal? Alles zu spät, wir sind alle selbst schuld, usw, usw...
Handeln statt Zynismus!

Explizite Kriterien????????

"...Der Steuerzahler zahlt doppelt, solange die Ausgaben der öffentlichen Hand nicht explizit und nachprüfbar an Kriterien der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden..."
Das ist ja interessant: Wo sind denn diese Kriterien niedergeschrieben? Wenn von "explizit" und nachprüfbar" gesprochen wird, müsste man sich doch erst einmal auf eine Definition von Nachhaltigkeit einigen, aus der sich überhaupt derartige Kriterien ableiten lassen?? So weit ich weiß, hat die Bundesregierung unter Mitwirkung des RNE in einer Enquettekomission eine Reihe von Kriterien festlegen lassen, die aber nicht gerade - um es vorsichtig auszudrücken - unumstritten sind. Das Gebot der Nachhaltigkeit hat durch seine Ausrichtung auf verschiedenste Bereiche (nach Definition der Bundesregierung: Ökologisch, Ökonomisch, Sozial) eine derart schwammige Bedeutung, dass es doch nur schwer möglich schein, hieraus konkrete Anforderungen anbzuleiten? Abgesehen, dass ein Bereich von Nachhaltigkeit durchaus in einen Zielkonflikt mit einem anderen Bereich geraten kann. Da hilft ein Drei-Säulen Modell, wie propagiert von Rat und Bundesregierung ja nun nicht wirklich, weil so jeder seinen "Beitrag" hier verorten kann, egal wie sinnvoll dieser in einem Gesamtzusammenhang sein mag. Vielmehr scheint es, dass die Kriterien vor allem dazu dienen, möglichst viele Einzelaspekte unter dem Begriff einer nachhaltigen Zukunft fassen zu können, um sich vor einer wirklich grundlegenden Diskussion zu drücken, wie diese Aspekte wirklich in ein integriertes System übernommen werden könnten. Aber so weit gehen weder Bemühungen des Rates noch der Bundesregierung. Schade!

Tohuwabohu und Kriteriendschungel

Es gibt in der Tat viele Definitionen von Nachhaltigkeit - und viele Kriterien, die soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit überprüfbar machen. Jeder Akteur muss ich Grunde selbst entscheiden, was für sie im Sinne der Nachhaltigkeit prioritär ist. So findet eine ganz konkrete Wertediskussion ihren Raum. Die Konkretisierung in Geschäfts- oder Politikfeldern ist dann das Interessante. Was heißt Nachhaltigkeit konkret? Das ist für jede Branche etwas anderes, für jedes Produkt sind die Kriterien unterschiedlich, jede Partei setzt ihre Prioritäten anders. Was die Bundesregierung unter Nachhaltigkeit versteht, legt sie in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie und deren 21 Indikatoren dar. Ihr findet sie unter www.dialog-nachhaltigkeit.de

Die allgemeine Definition von Nachhaltigkeit, die der Rat für Nachhaltige Entwicklung in der Regel zugrunde legt ist die der Brundlandt-Komission von 1987: "Eine dauerhafte Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." Oder etwas ausführlicher: "Im wesentlichen ist dauerhafte Entwicklung ein Wandlungsprozeß, in dem die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potential vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen." Das drei-Säulen-Modell kommt da nicht vor, vielmehr die verschänkte Betrachtung der drei Bereiche. Dass die Verschränkung der Politikfelder gelingt nicht von heute auf morgen und es gibt noch viel zu tun, das geb´ ich zu - aber es gelingt immer besser.

Aber muss man nicht Kriterien

Aber muss man nicht Kriterien festlegen? Und ist "Zukunftsfähigkeit" nicht etwas, das alle drei Bereiche umfasst? (Über den Begriff der nachhaltigkeit kann man sowieso streiten, der ist mir in der tat auch zu schwammig und vor allem zu inflationär gebraucht.) Aber vielleicht ist das auch Erbsenzählerei, sich über Begriffe zu streiten. Das Tun zählt und was wir alle wollen, ist ja wohl klar: eine auch zukünftig lebenswerte Zukunft für Mensch, Tier und Natur.

Positives aus dem Nachbarland

Da sind die Niederländer uns wohl ein Stück voraus! Wollen wir uns das gefallen lassen??? ;-)
Ich finde: An dieser Stelle wäre ein positiver internationaler Wettkampf ruhig angebracht: Wer schafft es, die Klimaziele am schnellsten zu erreichen? And the winner is.....????

Wahlprüfstein Nachhaltigkeit

Kleiner Tipp: der Deutsche Bundesjugendring (= Dachverband der Jugendverbände) hat sich die Mühe gemacht, eine umfassende Synopse der Wahlprogramme der großen Parteien zu erstellen. Sie ist sehr umfassend, zugegeben, aber es lohnt sich. Konkret zu Nachhaltigkeitsthemen sind 9 Seiten drin. Aber ich finde, dass die Themen, wenn sie aus Perspektive der Jugend beleuchtet werden, tendenziell eher zukunftsorientiert diskutiert werden.

Das Dokument (knapp 1MB) findet Ihr auf der Seite des DBJR via http://tinyurl.com/nvctyd

"Wie entscheiden...?" ist bei der Bundestagswahl echt eine knifflige Frage...

ich versteh euch nicht...

...ist doch super, wenn Frau Thieme sich für nachhaltigen Konsum stark macht. Manchmal hilft ja auch schon drüber reden und die Leute wachrütteln!

Nachhaltigkeit ist unbequem

Bin ich voll dafür! Aber ob die leute das wollen? All die, für die Nachhaltigkeit ganz nach dem aktuellen trend darin besteht, es sich schön moralisch-konsum-gemütlich zu machen und bloß nicht zu verzcihten? Wer konsumiert, dem muss klar sein: Er richtet - irgendwie und irgendwo immer - Schäden an. Nicht konsumieren geht nicht, also müssen wir mit den Schäden umgehen lernen. Und nicht so tun, als wäre die Welt voll Sonnenschein, wenn wir nur das Richtige in großen Mengen kaufen. So einfach isses nicht.
da hätt ich mir mehr Konsumkritik gewünscht.

Und nun?

"In welcher Gesellschaft, in welcher Wirtschaft wollen wir leben?"
Alte Frage - leider keine neuen Antworten. Was, fordert denn Frau Thieme, sollen wir nun genau tun?
"Und wie konsequent und hartnäckig sind wir in unserer Forderung danach?" Wie können wir die Vergabe öffentlicher Mittel und deren Kriterien beeinflussen?
Da wird sich wohl erst etwas tun, wenn es zu spät ist. Und bis dahin wird eine nachhaltige Lebensweise für den Einzelnen wohl leider doch noch ein Nischenthema bleiben. Aldi und Lidl sind für den Geldbeutel eben doch billiger als der Bioladen. Weil sich viele Menschen heutzutage leider einen wirklich nachhaltigen Konsum gar nicht leisten können. Also: Politik FÜR die Geldbörse statt AUS der Geldbörse?
Und eine Verschiebung der politischen Prioritäten! In diesem Zusammenhang ein sehr passendes Zitat von Greenpeace: "Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet".
Soviel dazu!

Antwort zum Text Fr. Thieme

Ich stimme zu. Auch hierin: "Und Nachhaltigkeitspolitik scheitert leider auch an den Wählerinnen und Wählern." Aber was tun? Sogar die Grünen haben in den letzten Jahren europapolitisch Entscheidungen mitgetragen, die ich nicht wirklich für nachhaltig befinde. Das Bewusstsein muss in die Köpfe der Konsumenten/Bürger, es muss aber auch in die Köpfe der Politiker ALLER Parteien und nicht nur Lippenbekenntnis bleiben. Mittlerweile findet sich Nachhaltigkeit als Worthülse ja in fast allen Parteiprogrammen. Wie soll man da noch entscheiden, wer wirklich etwas tut? Bin ratlos, weiß noch nicht, was ich wählen werde.
Und übrigens: Die Wähler sind immer auch nur so gut, wie es die Politiker sind. Nicht nur umgekehrt.

Wie entscheiden?

Das sehe ich auch so. Nachhaltigkeit ist auf politischer Ebene mehr denn je ein leeres Wort. Je mehr es genutzt wird, desto mehr verliert es an Profil. Da muss man schon genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen. Insofgern ist es leicht gesagt, alles auf den Wähler zu schieben.